Meine Oma | Die Welt steht Kopf


Ich habe meine gesamte Kindheit bei meiner Oma verbracht, da meine Mutter Berufsschullehrerin war und mein Vater eigentlich in Karenz war, aber Schwarz weitergearbeitet hat.


Meine Oma wohnte im selben Haus und es gab überhaupt kein Problem, ich war tagsüber immer bei meiner Oma und geschlafen habe ich halt dann bei meinen Eltern.


Ich konnte mit 5 schon etwas Lesen, Schreiben und einfache Plus und Minus Rechnen, weil meine Oma mit mir etwas Lernte als Vorbereitung für die Schule.







Sie hatte einen kleinen Schrebergarten in dem Sie immer Arbeitete, bei uns gab‘s eher selten gekauftes Gemüse oder Obst, weil alles hauptsächlich aua dem Garten kam.

Kochen habe ich von meiner Oma noch gelernt, bis heute bekomme ich aber das Salatdressing nie so hin wie Sie es machte. Das war eine Kunst für sich, aber bei Oma schmeckt es halt am besten.

Ich durfte jeden Tag nach der Schule von 12 bis 15 Uhr Fernsehen, länger nicht, auch wenn damals der „Confetti TiVi“ bis 15.15 Uhr lief. Um 15 Uhr fingen die Nachrichten an und danach war „Reich und Schön“ oder „Schlosshotel Orth“ und das war dann das, was meine Oma schaute, da gab‘s nichts daran zu Rütteln.

Zum Naschen hatte Sie immer die kleinen Zitronenschnitten zu Hause und wenn ganz etwas Besonderes war dann gab‘s mal eine Schokoladen-Praline von „Papillon“, wenn sich noch jemand daran erinnern kann. Immer Milch mit Honig, wenn ich nicht schlafen konnte oder ich kränklich war.

Im Winter gab‘s immer gebratene oder gekochte Maroni, die mir meine Oma immer öffnen musste, weil ich das einfach nie zusammenbrachte. Und ganz viele Orangen oder Mandarinen, meine Oma legte die Schalen immer auf den Heizkörper, zum Trocknen und wegen des Geruches. Das mache ich auch heute noch so.

Außerdem wusste ich ganz genau, wenn Oma die dicken Vorhänge auspackte, dauerte es nicht mehr lange bis es Kalt wurde. Es gab immer Sommer Vorhänge die dünn waren und dicke Wintervorhänge. In der Küche war auch kein normaler Herd, sondern ein großer Holz-Küchenherd, immer Winter erzeugte der natürlich eine richtige wohlfühle Wärme, ganz anders als jeder Heizkörper. Und Apfelstrudel der im Backrohr bei Holzwärme gebacken wird. Ich war damals schon nicht begeistert von Rosinen im Apfelstrudel, jetzt habe ich oft die Rosinen schon weggefuttert bevor Sie im Apfelstrudel landen konnten.

Im Sommer immer selbstgemachten Holundersirup.

Zum Zeichnen gab‘s immer die Rückseite von Werbesendungen, weil die immer nur einseitig bedruckt waren. Und es gab immer orange oder grüne Joghurtbecher, aus denen ich getrunken habe, wenn die mal runterfallen gab‘s dann keine große Bescherung.

Wenn’s wo weh tat oder trockene rissige stellen, da gab’s immer die Selbstgemachte Ringelblumensalbe aus den Orangen Ringelblumen im Garten, kurz darauf geschmiert und weiter ging‘s.






Einen Riesen Teil meiner positiven Erinnerungen aus meiner Kindheit hat meine Oma geprägt.

Meine Oma war immer eine Frau, zu der ich aufschaute und von der ich so viel gelernt habe, die die immer da war und das kleinste Weh-weh verarztete. Zu diesem Zeitpunkt war die Welt noch in Ordnung.






Mein kleiner Bruder kam 2001 mit einer 80 % Beeinträchtigung auf die Welt und verbrachte fast die ersten 2 Jahre im Krankenhaus auf Intensiv.


Meine Oma war immer eine Frühaufsteherin, wenn Sie um nicht spätestens 7 Uhr schon im Garten herumwuselte war etwas nicht in Ordnung. Mein Vater, der zu diesem Zeitpunkt zu Hause war, ging kurz zu meiner Oma, um nachzusehen, ob alles OK war. Mir wurde erzählt das meine Oma um 7Uhr noch geschlafen hätte und halb aus dem Bett gehängt war, mein Vater hatte Sie zurück in das Bett gelegt und zugedeckt und erst um 9 Uhr schaute er nochmals nach, weil Sie noch immer nicht aufgestanden war und verständigte erst dann die Rettung.

Noch heute bin ich der festen Überzeugung, wenn er beim ersten Mal richtig reagiert hätte, hätte er so viel verhindert.


Wenn jemand nicht reagiert, wenn ich ihn anfasse schon alleine, wenn ich ihn zurück in das Bett hieve und jemand keine dementsprechende Reaktion zeigt muss mir das in der Situation sehr zu denken geben.

Diagnose: Schlaganfall.

Meine Oma war dann eine sehr, sehr lange Zeit im Krankenhaus aber es wurde einfach nicht besser, zu ihr durfte ich nicht.


Nachdem mein Bruder 2001 geboren wurde ich ab dem Zeitpunkt fast Täglich von der Schule abgeholt und wir sind gleich, zu meinem Bruder, ins Krankenhaus gefahren. Ich musste immer im Warteraum warten da ich noch viel zu jung war und nicht in die Intensivstation durfte. Es handelte sich oft um Stunden, die ich einfach nur abwarten musste.

Durch das, dass ich durchgehend in der Schule gemobbt wurde, waren meine Noten schon im Keller, durch das, dass ich jeden Tag ins Krankenhaus mit und nur vor geschlossener Türe warten musste, waren meine Noten nicht mehr nur im Keller, sondern ich wiederholte die 6. Klasse mit 5. 5er im Zeugnis.


Ich war dann auch eine Zeit lang, über die Ferien, bei meiner Tante in Wien wie meine Oma im Krankenhaus lag. Meine Tante telefonierte und brach danach in Tränen aus ich bekam noch ein Gespräch mit, dass sich in der Lunge meiner Oma Wasser gesammelt hätte, das man durch das Telefon das Röcheln durchgehört hätte und eines ihrer Beine schon am Absterben war.


Meine Oma ist 2002 im Alter von 77 Jahren gestorben und ab da musste ich Erwachsen sein, weil ich mich dann um meinen Bruder kümmerte. Meine Mutter war wieder arbeiten und mein Vater war auch oft nicht anwesend. Ich habe meinen Bruder ab und zu, im Kinderwagen, mit in die Siedlung genommen, wo ich sicher nicht vergessen werde wie einige der Erwachsenen sich mit Meldungen wie „so jung schon Mutter“ ausgetauscht hatten. Das Mobbing blieb für mich nicht nur in der Schule, sondern war auch in jedem Teil meines Lebens vertreten. Zuerst war es immer nur von Personen in meinem Alter, danach musste ich mir von Erwachsenen auch sehr vieles mitmachen. Ich habe mich ab dem Zeitpunkt so gut es für mich möglich war isoliert und bin nur mehr vor dem Computer gesessen und habe mich mit meinen „Freunden“ aus dem Internet unterhalten da dies die einzigen waren die mir Mut zusprachen.


Kurz nachdem meine Oma nicht mehr da war, war ich trotzdem immer regelmäßig in Ihrer Wohnung unten, die lange Zeit noch so war wie immer und habe im Wohnzimmer ferngesehen.


Alles war ich noch von meiner Oma hatte, war ein grünes dünnes Kochbuch, in dem Sie damals eine 5 Schilling münze unter eine Seite legte und diese mit einem Bleistift abpauste um mir das zu Zeigen. Natürlich Pauste ich dann auf jedem Papier auch ein Schilling münze ab, weil ich davon grad richtig begeistert war.

Das Kochbuch hat mir aber mein Ex-Freund nie wieder zurückgegeben und meine Eltern interessierte es nicht, dass ich das mir „so ein blödes Kochbuch“ so viel wert war und ich es unbedingt wieder haben wollte. Ich forderte es immer wieder Zurück aber ich bekam es nicht mehr.

Und ein Messer mit einem Holzgriff, mit dem meine Oma mir immer die Äpfel geschnitten hatte oft schmeckte man dann entweder Zwiebel oder Schnittlauch bei den Äpfeln raus, weil, wenn sie schon das Messer in der Hand hatte, hat sie mir auch kurz einen Apfel aufgeschnitten. Und viele Erinnerungen.


Ab dem Zeitpunkt war ich komplett alleine und habe mich dann so gut es für mich ging auch um meinen Bruder gekümmert. Mein Bruder und ich haben dadurch eine enorm Starke Verbindung zueinander.


Ich hatte meinen ersten Suizid Versuch mit 13 Jahren, aber woher soll man mit 13 Jahren schon wissen wie man sich das Handgelenk richtig aufschneidet.


Gemacht hatte keiner etwas und verändert hatte sich auch nichts es blieb alles wie es vorher war nur das ich jetzt eine kleine Narbe am Handgelenk habe.



"Ich habe dir, irgendwann, so viel zu Erzählen. Ich hoffe, du hast dann genug Kaffee

für dein kleines Mädchen.⁣"



 
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©2020 Jossy Joy.

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